Destillierte Stille

[Meine erste hl. Messe im außerordentlichen römischen Ritus - eine persönliche Reflektion]
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Die Kirche St. Michael der ehemaligen Benediktinerabtei in Bamberg begrüßte die Besucherin mit all ihrer barocken Erhabenheit. Als sie vom Michaelsberg her kommend die Stufen der großen Freitreppe hinaufstieg und die Fassade emporblickte, konnte sie schon etwas von dem Staunen ahnen, das sie drinnen erwarten würde. Hinter der Kirchentüre war es dunkler, kühler, aber auch sehr viel ruhiger. Das war auch der Haupteindruck während der hl. Messe: Stille und Frieden.
Klosterkirche St. Michael, Bamberg
Die lateinischen Gesänge wurden von einer Schola gesungen und kamen von der Empore; aus der Sicht der Gottesdienstbesucherin, die sich in eine der hinteren Reihen gesetzt hatte (dorthin wo die Freiheit wohnt), "unsichtbar und irgendwo von oben, wie ein Engelchor". Dazu wurden zwei Lieder aus dem Gotteslob gesungen. Da die ausserordentliche Form des römischen Ritus ihrem eigenen liturgischen Kalender folgt, wurde an diesem Sonntag nicht das von der jungen Besucherin erwartete Evangelium mit dem Senfkorn (Mk 4, 26 - 34) verlesen, sondern, passend zum Sonntag der Herz-Jesu-Oktav, jenes vom Guten Hirten (Lk 15, 1-10). Zelebrant der Messe war ein älterer Theologieprofessor, der in seiner Predigt auf die zentrale Bedeutung des Herzens Jesu als Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen einging.


Die ganze Atmosphäre war geprägt von Stille und Gebet. Es war eine ganz spezifische Stille. Nicht einfach die Abwesenheit von Geräuschen oder die "gefüllte" Stille wie z.B. bei einem Nightfever. Dort ist die Stille erfüllt von Musik, Gebet oder nur dem Klang der Begegnungen. Hier war die Stille gesammelter, dichter, quasi destilliert durch das Gebet der anwesenden Gläubigen (übrigens nicht nur ältere Menschen) und des Priesters. Da war es gar nicht so wichtig, dass sich dieses Gebet meist im äußerlichen Schweigen vollzog. Durch diese durchbetete Stille wurde auch der Einzelne freier für das persönliche Gebet, die Begegnung mit Gott im Herzen.

Da Priester und Ministranten sich ausschließlich im Chorraum aufhielten, waren die Wege nicht länger als nötig und auch die Gesten wurden nur sparsam eingesetzt - fast minimalistisch. Alles schien auf das Wesentliche reduziert und wirkte sehr konzentriert. Auch wenn sie es nicht für möglich gehalten hatte, schien es der Gottesdienstbesucherin, als ob sich die Stille während Gabenbereitung und Wandlung noch mehr verdichtete - "als ob die Welt den Atem anhielte", während sich dort vorne der Herr der Welt in das kleine Brotstückchen einschloss.

Kommunion mit Patene und Kniebank, die lang genug war, damit drei oder vier Personen gleichzeitig darauf Platz hatten. Der Priester, der sagte "Corpus Domini nostri Jesu Christi custodiat animam tuam in vitam aeternam. Amen". All das ließ dem einzelnen Gläubigen noch mehr Zeit für die leibhaftige Begegnung und Vereinigung mit seinem Gott, der "so groß ist, dass er sich aus Liebe so klein machen kann".
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Danke, Jesus, für die Vielzahl an Riten und Andachtsformen mit denen die Menschen dich ehren, loben und preisen. Hilf uns, dass wir mehr noch als bisher die Polyphonie dieser Riten und Gebete anerkennen und sie gleichberechtigt miteinander klingen lassen, in dem großen Chor, der dich verehrt. Anstatt uns darüber aufzuregen, welcher denn nun der richtige sei. Oder wie es vor langer Zeit schon einmal ein kluger Mann festgestellt hat: "Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit." (Koh 3, 1) Eine Zeit für den "ordentlichen" Ritus, eine Zeit für Rosenkranz u.ä., eine Zeit für Nightfever und Lobpreis und eben eine Zeit für den "außerordentlichen" Ritus.

Kommentare

  1. Danke, für die Schilderung Deiner Eindrücke und fürs Gutheißen der Polyphonie!

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  2. Ich freue mich, dass Dir die tridentinische Messe gefallen hat. Je öfter Du sie mitfeierst, desto mehr Geheimnisse offenbart sie Dir.

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