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"Mist, verd…!" Schuhmachermeister Meuser legte die Stirn in Falten, als er seinen jüngsten Lehrbuben am anderen Ende des Tisches unterdrückt schimpfen hörte. Den Fluch schien er sich gerade noch verbeißen zu wollen; "so ein frommer Junge", schmunzelte der Meister im Stillen. Allerdings war es an diesem Morgen bereits das fünfte Mal, dass der Junge beim Schnitzen des neuen Leistens mit dem Messer abgerutscht war. Irgendwie schien er nicht richtig bei der Sache zu sein. Er lies den Blick wohlgefällig, wenn auch milde besorgt an diesem Morgen auf dem braunen Haarschopf ruhen, der tief über den Schnitzklotz gebeugt war. Dass dieser hier stiller war als alle Lehrbuben zuvor, daran hatte sich der Meister inzwischen gewöhnt. Er schien nur dann ein wenig aufzutauen, wenn er wieder eines der Bücher fertig gelesen hatte, die er sich in großer Zahl aus der Bibliothek des Schulmeisters Statz borgte. Meist fand es der gute Kerpener Schuhmachermeister furchtbar trocken und er verstand auch nicht alles, aber er hörte dem Jungen gern zu, der in solchen Momenten reden konnte wie ein "Studierter". Dann kam ein Glanz in seine Augen, der von einer Aufregung zeugte, die der Meister selbst nur kannte, wenn ihm ein Paar Schuhe besonders gut gelungen war.

Am anderen Ende des Tisches erklang wieder ein unterdrückter Fluch. Beinahe war der Junge soweit, den halbfertigen Leisten im hohen Bogen in die Ecke zu werfen. Jetzt wurden auch die Gesellen aufmerksam. Das war ja ganz neu. Der "Kleine", wie sie ihn nannten, war doch sonst so still. "Liebeskummer?", fragte ein Geselle mit spöttisch hochgezogener Braue. "Kümmere dich um deinen eigenen Kram", knurrte der Junge. "Oho, unser Kleiner hat ja doch rotes Blut in den Adern", johlte ein anderer. Plötzlich stand der Meister hinter ihm, legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter und drückte ihn ruhig, aber bestimmt wieder auf seinen Hocker, während er mit einem einzigen Blick wieder Ruhe am Tisch einkehren ließ. "Wie Vater", schoss es dem Jungen unwillkürlich durch den Kopf.



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