Sonntag, 20. Oktober 2013

Jeder ist #Limburg.

Ein Gastkommentar von Christoph Kraus.


Eine Zahnzwischenraumreinigung dauert für gewöhnlich – gründlich mit gewachster Zahnseide durchgeführt – eine gute Minute. Es ist sinnvoll investierte Zeit, wenn man bedenkt, dass man damit einerseits Karies vorbeugt, andererseits mit gutem Gewissen aus dem Haus gehen kann. Schließlich sind nach erfolgreicher Mundhygiene garantiert auch die letzten Spinatreste zwischen den Zähnen beseitigt. Also: Minimale Zeitinvestition für maximale Effizienz. Mehr geht nicht. Und das, wohlgemerkt, in einer Minute! Wie viele Stunden haben wir hingegen in den letzten Tagen damit verbracht, Neues über „Limburg“ zu lesen, so als ob mittlerweile schon der Name für sich steht? Wie viele Minuten unseres Lebens haben wir für Talkshows aufgewendet, in denen es um den materiellen Reichtum der Kirche geht?

Machen wir uns nichts vor: Wir alle haben gewaltig Dreck am Stecken – ohne Ausnahme. Dazu zähle ich mich dann aber auch. Schließlich ist der Mensch per se kein Unschuldslamm, sondern – nun ja – ein Mensch. Sonst könnten wir uns kollektiv das Schuldbekenntnis sparen, bei dem man sich dreimal an die Brust klopft und sich selbst ganz kleinmacht – und Gott ganz groß. Wir könnten auch die Sache mit dem gütigen Heiland vergessen, wie die Wildsau leben, gelegentlich ein Teelicht anzünden und am Ende unserer Erdentage mit 100-%-Garantie leibhaftig in den Himmel auffahren. So funktioniert die Welt jedoch nicht – Gott sei Dank! Und deshalb müssen wir uns wohl oder übel damit abfinden, dass wir alle einen gewaltigen Knacks haben, jeder auf seine ganz eigene charmante Art und Weise. Sind Bischöfe also unglaubwürdig, wenn sie sich lieber in einem Mercedes chauffieren lassen als in einem gebrauchten Ford Escort? Hat der Oberministrant versagt, der mit seinen „Abercrombie & Fitch“-Klamotten der King of Oberstufe ist? Ist Karl Otto (Name geändert) vom Pfarrgemeinderat ein Heuchler, weil er keinen Dauerauftrag für Misereor eingerichtet hat, aber am Sonntag die Lesung immer so schön vorliest? Keine Ahnung. Aber dafür erforschen wir ja bestenfalls 24/7 unser Gewissen – um es dann besser zu machen. Tipp: Beichten geht immer.

Es war gerade der Papst, der vehement den Tratsch in der Kirche verurteilt hat:
„Es ist ein Krieg, den man nicht mit den Waffen führt, die wir kennen: man führt ihn mit der Sprache. Die Waffe dieses Krieges ist das Geschwätz. Und darum bitte ich euch: verteidigen wir uns gegenseitig vor dem Geschwätz. Der Tratsch ist (...) eine verbotene Sprache, denn es ist die Sprache des Teufels, die trennt, weil die Brüder Feinde werden und er dann der Sieger ist. Das ist List, das ist Zwietracht.“
Wir wissen, wie sich das Gerücht um die „15.000-Euro-Badewanne des Prunk-Bischofs“ verselbstständigt hat. Diesen Einzelposten gibt es de facto so nicht. Die Summe galt für die Einrichtung des Badezimmers. Dieser kleine Aspekt verdeutlich, dass wir es manchmal mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen. Lassen wir doch einmal den Gedanken an diese Wahrheit zu! Ein kleiner Bub, der auf einem Misthaufen steht und sich dabei die Augen zuhält, steht in Wahrheit doch auf einem Misthaufen. Er sieht ihn vielleicht nicht, aber er riecht ihn, er spürt ihn mit seinen Füßen – und niemand, der den Jungen sieht, wird dies leugnen können.

Papst emeritus Benedikt XVI. hat uns dazu auf den Weg gegeben:
„Ich möchte allen nahelegen, (...) keine Angst vor der Wahrheit zu haben, den Weg zu ihr niemals zu unterbrechen, nie aufzuhören, mit dem inneren Auge des Herzens die tiefste Wahrheit über sich selbst und über die Dinge zu suchen. Gott wird es nicht versäumen, Licht zu schenken, damit wir sehen können, und Wärme, damit das Herz spürt, daß er uns liebt und daß er geliebt werden möchte.“
Es ist entlarvend, wenn konservative Christen unbeirrt zu einem bestimmten Bischof halten, selbst beim stärksten Gegenwind. Gerade wir Katholiken sind anfällig dafür, Grüppchen zu bilden, gleichsam den Gästen einer politischen Talkshow. Wir sind hier aber weder bei „Günther Jauch“ noch bei „Hart aber Fair“. Sondern bei „Hart aber wahr“! Und was ein ungesunder Personenkult anrichten kann, haben wir vor 496 Jahren bereits gesehen ... Ob der Limburger Bischof also nächste Woche noch im Amt ist oder nicht – es spielt für unseren Glauben nicht den Hauch einer Rolle.

Unsere eingangs erwähnte Zahnzwischenraumreinigung, sie ist genau das: keine Angst vor dem Grünzeug zwischen den Zähnen haben. Lieber öfter mal selbst in den Spiegel gucken.

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

Einspruch Euer Ehren. Da empfehle ich dann doch die saure Mühe, sich Talkshows anzusehen. Der Rücktritt oder die Amtsenthebung des Bischofs wäre ein Sieg für antikatholische Journaille, die innerkatholische modernistische Linke, hier vertreten durch den Memorandisten Schüller, die atheistischen Aktivisten, repräsentiert durch Frau Matthäus-Maier, die aus der Kirche nicht eine arme Kirche, sondern eine ganz arme Kirche machen will, eine Kirche ohne Geld, eine Kirche ohne Sozialeinrichtungen, eine Kirche ohne Recht. Das allerschlimmste, was man dem Bischof vorwerfen kann, ist, daß er bei der Einrichtung des Diözesanen Zentrums nicht auf Wirtschaftlichkeit und Verhältnismäßigkeit geachtet hat. Das sind - vergleicht man das mit der milliarden- und nicht millionenschweren Steuergeldverschwendung im öffentlichen Raum - läßliche Sünden.

Gertie di Sasso hat gesagt…

Ich würde nur ungern die medizinische Fachliteratur bereichern. Solche Talkshows sind sonst schon schwer genug zu ertragen, aber wenn dann auch noch Kirchenthemen behandeln werden... *eyesroll*

Ansonsten verstehe ich Christoph's Kommentar eher als einen Appell an alle Beteiligten (einschließlich der Medien), sich an die Wahrheit zu halten und fair zu bleiben.

Christoph hat gesagt…

In den letzten Tagen sind nun so ziemlich alle Standpunkte vertreten worden, ob von antikatholischen oder standfesten konservativen Kreisen. Ob TvE nun zurücktritt oder nicht? Wir werden es sehen. Der Heilige Vater wird sich eine Meinung darüber bilden und die Kommission wird ihm dabei helfen, sich ein klares Bild über die Situation in Limburg zu verschaffen. Wir müssen lässiger sein und dürfen nicht ständig dem Bischof ein Bein stellen, müssen aber auch nicht alles akzeptieren, was ablief. Da sind noch einige Dinge ungeklärt, die auch TvE zur Last gelegt werden könnten. Zur Buße berufen ist jeder, klar. Aber wenn wir einfach cool bleiben und nicht ins Lagerdenken verfallen, dann kann uns nichts passieren. Niemand hat die Auferstehung geleugnet, es geht "nur" um Geld. Daher erst recht: Füße stillhalten! :)