Samstag, 25. Januar 2014

Paris, vue catholique: Der "Marche pour la Vie 2014"

Gastbeitrag von Maren Göggelmann.


Es ist Sonntag, der 19. Januar 2014 in Paris. Ich bin unterwegs zum „Marche pour la Vie“, gemeinsam mit einer deutsch-französischen Familie, die ich gerade nach dem Gottesdienst in meiner Gemeinde kennen gelernt habe.  Natürlich – wie in Frankreich üblich – sind wir etwas zu spät dran und stoßen erst um ca. 15 Uhr zur Demonstration, die sich schon um 14.30h am Platz Denfert-Rochereau aufgemacht hat, um quer durch Paris zum Invalidendom zu ziehen. Zum neunten Mal findet der Marche pour la Vie dieses Jahr statt. Es handelt sich um eine Demonstration, die von katholischer Seite organisiert wird, aber sich an alle Menschen, egal welcher religiösen oder politischen Überzeugung, richtet. Sie will ein Zeichen setzen gegen Abtreibung und dagegen, die betroffenen Frauen mit der schweren Entscheidung, die ein Schwangerschaftsabbruch oft mit sich bringt, allein zu lassen. Vor allem in anderen Jahren war auch Euthanasie ein wichtiges Thema beim Marche pour la Vie. Dass wir uns dem Demonstrationszug nähern, merken wir daran, dass die Straßen wie ausgestorben sind – noch nie habe ich in Paris so wenig Autos fahren sehen! Wir sind – wie gesagt, typisch französisch – nicht die einzigen, die sich jetzt erst auf den Weg zur Demonstration machen. Je näher wir kommen, desto dichter  wird die Menge der Leute, die in die gleiche Richtung wollen. Viele tragen rote Halstücher oder sind sonst irgendwie rot und gelb gekleidet: Die Organisatoren des Zuges haben in diesem Jahr dazu aufgerufen, die spanischen Landesfarben zu tragen. Spanien hat nämlich Ende letzten Jahres seine Abtreibungsgesetzgebung verschärft: Nur noch in Fällen von Vergewaltigung oder gesundheitlicher Gefährdung der Mutter durch eine Fortsetzung der Schwangerschaft darf eine Abtreibung straffrei durchgeführt werden (http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Politik/d/4025622/abtreibung-soll-wieder-strafbar-werden.html) . Diese Gesetzgebung ist in Spanien stark umstritten, daher möchten die französischen Lebensschützer mit der Demonstration auch ein Zeichen der Unterstützung für ihre spanischen Mitstreiter setzen.
Und dann hören wir den Zug. Der Marche pour la Vie ist – im Gegensatz zum Beispiel zum Marsch für das Leben in Berlin – nämlich kein Schweigemarsch. Auch die weißen Kreuze fehlen. Hier soll die Freude am Leben im Mittelpunkt stehen. Kinder zu bekommen und mit ihnen zu leben, ist nämlich etwas Schönes! Ich schließe mich mit meiner deutsch-französischen Familie dem Zug an. Um uns herum – Menschen jeden Alters (von wegen „Altersdurchschnitt 75“ wie böse Kommentare auf facebook später behaupten). Ältere Damen mit Krückstock und junge Pärchen Hand in Hand, Familien und ganze Pfadfindergruppen (die in Frankreich den Hauptteil kirchlicher Jugendarbeit ausmachen). Ein Stück rechts neben mir laufen drei Mönche in langen grauen Kutten. Die Kinder laufen einem großen roten Ballon nach, der über dem Zug hin- und hergeworfen wird und natürlich nicht zu Boden fallen soll – „Derecho a vivir“ (span. Recht auf Leben) steht darauf. Ein wenig später sehe ich sogar einen Bischof in der Menge. Schwestern der Schönstatt-Bewegung tragen ihr Marienbild mit. 

Langsam bewegt sich der Zug vorwärts. Eigentlich ist Paris sehr schön, wenn keine Autos fahren. Wir haben außerdem Sonnenschein und nicht zu kalte Temperaturen. Ich unterhalte mich mit der Mutter der Familie über die französische Abtreibungsgesetzgebung. Sie erzählt mir, dass man in Frankreich die Pille danach jederzeit und rezeptfrei von der Schulkrankenschwester verlangen kann und diese verpflichtet ist, sie auch herauszugeben. Ab und zu halten wir an und legen eine Schweigeminute ein. Wir denken dabei nicht nur an die vielen tausend Kinder, die auch in Frankreich jährlich abgetrieben werden, sondern auch daran, dass auch wir vielleicht bald schweigen müssen. Der Marche pour la Vie hat in diesem Jahr außer der Anlehnung an Spanien nämlich ein besonders aktuelles Thema: In Frankreich soll noch in dieser Woche im Parlament über eine Änderung des Abtreibungsgesetzes abgestimmt werden. Zum einen soll in der Loi Veil, dem Gesetz, das die Abtreibung selbst regelt, der Zusatz entfallen, dass eine Abtreibung in „situation de détresse“, also in einer verzweifelten Lage erlaubt sei. Stattdessen soll dort nun stehen, dass jede Frau, die ,ihre Schwangerschaft nicht fortsetzen will‘ abtreiben kann. Dadurch soll das Recht der Frau auf Abtreibung besser gewahrt bleiben. Ich kann da – als Frau – nur den Kopf schütteln. Woher nehmen wir uns denn ein Recht auf Abtreibung? In meinem Kopf sprudelt alles durcheinander – vom von Gott geschenkten Leben, mit dem man natürlich atheistischen Abtreibungsbefürwortern nicht kommen darf; vom Recht auf Leben, das ja wohl ein grundsätzlicheres Recht ist als das auf Abtreibung; schon bin ich in einem Erklärungsversuch, weshalb meiner Meinung nach sehr wohl auch ein Embryo, der nur aus wenigen Zellen besteht, ein Mensch oder zumindest doch ein menschliches Wesen ist; dass die Frauen, die das Recht auf Abtreibung fordern, doch ein bisschen verantwortungsvoller mit ihrer Sexualität umgehen sollen; da es ja – zumindest in unseren Breiten – allgemein bekannt ist, dass Kinder normalerweise durch Geschlechtsverkehr entstehen und sie sich das früher überlegen könnten; gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass auch bei verantwortungsvoller Verhütung eine Schwangerschaft nicht ausgeschlossen ist und dass viele Frauen durch eine ungeplante Schwangerschaft in eine schwere Krise stürzen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es auch dann kein Recht und vor allem kein Menschenrecht darauf geben kann, das Kind abzutreiben, sondern dass man den Frauen lieber helfen sollte, einen Weg mit ihrem Kind zu sehen. Zumal eine Abtreibung ja oft auch schwere psychische und teilweise auch physische Folgen für die Mutter und ihr Umfeld hat. Genau dieser letzte Punkt der Alternative soll in einer zweiten Gesetzänderung angegriffen werden. Es geht hier um einen Zusatz zum Gesetz ‚für die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern‘ . Darin soll als ‚Delikt der Verhinderung eines Schwangerschaftsabbruchs‘ gelten, wenn man einer schwangeren Frau Informationen gibt, die nicht die Möglichkeit einer Abtreibung enthalten bzw. diese als negativ darstellt. Nach dem bestehenden Gesetz könnten solche „Abtreibungsbehinderungen“ (mein Wort) mit zwei Jahren Gefängnis und Geldstrafen von 30.000 Euro bestraft werden. Davor haben die Lebensschützer natürlich große Angst, denn das nimmt ihnen alle Grundlage, Frauen wirklich eine Alternative zum Schwangerschaftsabbruch aufzuzeigen, sie auf die negativen Folgen aufmerksam zu machen und ihnen so wirklich zu helfen. Daher die Schweigeminuten auf dem Marche pour la Vie und daher auch die verschiedenen Plakate (übrigens auch in rot und gelb gehalten): „Schwanger – und wenn Sie es behalten würden? – Für das Recht, darüber zu sprechen“ und „Post-Abortions-Syndrom – sprechen wir darüber“. Mein persönlicher Favorit ist übrigens „Je vis bio – je garde le petitiot“ (etwa: Ich lebe Bio – ich behalte den Kleinen), denn das zeigt mir, dass es eben nicht unvereinbar ist, ökologisch und gleichzeitig konservativ eingestellt zu sein – eine Einstellung, die ich gerade in Frankreich oft vermisse.

Die Stimmung ist eigentlich ganz gut. Es gibt Sprechchöre, man tanzt zur Musik, die aus den Lautsprechern kommt, und wenn man nach den Schweigeminuten aufgefordert wird, Lärm zu machen, erhebt sich auch tatsächlich Lärm. Es wurden extra einige Vertreter aus Spanien eingeladen, die vom Wagen aus zu den Demonstranten sprechen. Leider versteht man sie nur schlecht durch das Megafon. Trotzdem finde ich, ganz ergriffen hat die Stimmung den Zug nicht. Will man mitsingen, was der Mann am Megafon vorsingt, fühlt man sich bei all denen, die schweigen oder sich unterhalten, recht allein. Gut, dass ich mit der Familie unterwegs bin, die wie ich, mitmacht. 10.000 Menschen seien wir, vermutet der Vater. Und das sei enttäuschend. Wahrscheinlich ist das auch der Grund für die verhaltene Stimmung. Die Menschen glauben selbst nicht mehr daran, dass ihr Protest etwas bewirken könnte. Viele von ihnen – auch „meine“ Familie – haben im letzten Jahr an jeder einzelnen Demonstration der „Manif pour tous“ (Bewegung gegen die Einführung der Zivilehe für Homosexuelle) teilgenommen und erlebt, dass diese Demonstrationen, bei denen Hunderttausende von Franzosen auf die Straße gegangen sind, keinerlei Umdenken der Regierung in dieser Sache mit sich gebracht hat. Die Resignation ist schon zu spüren. Dennoch, sie sind heute gekommen und es sind tatsächlich viele. 16.000 zählt die Polizei, 40.000 die Veranstalter. Die Kirche Saint François Xavier läutet ihre Glocken, als wir vorbeiziehen. Zur Abschlusskundgebung auf dem Platz vor dem Invalidendom bleiben wir aber nicht mehr da. Es wird kalt und die Kinder der Familie haben genug. Daher machen wir uns auf den Heimweg.

Abends, zu Hause, schaue ich die Bilder von der Demonstration an und bin froh, dabei gewesen zu sein. Über eine Sache bin ich nur ein bisschen enttäuscht: Wir haben nichts, aber auch gar nichts von einer Gegendemonstration mitbekommen. Später erfahre ich, dass sich ca. 200-300 Befürworter auf dem Place d’Italie, ganz am anderen Ende von Paris versammelt hätten. Schade eigentlich. Ich hätte zu gern mal ein paar verrückte Femen in freier Wildbahn erlebt.
  

Kommentare:

Ester hat gesagt…

Gott ist immer größer als die menschliche Dummheit, aber in einem gebe ich dir (leider und ungern) Recht. Der Kampf scheint verloren.
Das hat meines Erachtens auch damit zu tun, dass (ich sag das jetzt mal ganz platt und pauschal) sich kaum einer an Humanae Vitae gehalten hat.
Auch unter Katholiken wurde verhütet, ohne Not, einfach so, weil das kann man doch heutzutage nicht bringen, so wie noch meine Großmutter 13 Kinder!
Aber, wie gesagt Gott ist immer größer.

Gertie di Sasso hat gesagt…

Ich glaube, der Kampf sieht deswegen zur Zeit so hoffnungslos aus, weil Hollande massiv an seinem eigenen Volk vorbei regiert. Er benimmt sich schlimmer als ein Potentat und ignoriert vollständig den Willen des Volkes. Entgegen jeglicher Demokratie. Dazu passt auch, dass diese Lockerung des Abtreibungsgesetzes inzwischen durchgegangen ist. :-(

Ester hat gesagt…

Ich denke mal wir erleben es demnächst, dass die Folgen der massiven Abtreibungen Gestalt werden. Es leugnet ja langsam niemand mehr, wovor die Lebensrechtsgruppen, damals belächelt, warnten, nämlich die Überalterung der Gesellschaft.
Ja und dann hockt man da im Alter und ist alleine, muss sich eingestehen, dass das die eins, zwei Kinder, die man halt gekriegt hat, halt auch gebunden sind, überfordert mit der Sorge, und muss sich sagen, "selber schuld".
Hört sich brutal an, ist aber so.
Das bedeutet nicht, dass es nicht auch Fälle gibt und gegeben hat, wo die Leute einfach keine Kinder haben kriegen können, aber generell ist es schon so.
Früher war die Familie das Zentrale und alle arbeiteten in und für die Familie mit, also unverheiratete Tanten und Onkel halfen mit Geld und Tat, wurden dafür auch geholfen.
Das ist einerseits zerbrochen durch den WWII und die Folgen, andererseits aber war Familie plötzlich sekundär, die unverheirateten Tanten und Onkel gingen ja arbeiten, waren das Keks, während die Mütter nur die faulen, dummen waren und so setzten die Alleinstehenden mit ihrem Lebensstil (hängt natürlich auch damit zusammen, dass man plötzlich sich alles mögliche Autos, Wohnung und Reisen leisten konnte) auf einmal den Standart.
Und so war Muttersein, plötzlich der Looser Job, wo einem auch keiner half, weil frau ja selber schuld war, kann man ja was machen.... Und jetzt wo diese Generation alt wird, gibt es keine Töchter und Schwiegertöchter mehr, die eben zuHause sind und neben dem Kind noch die Oma versorgen können, sondern sowie die Kinder in Hort und Krippe abgeschoben werden müssen halt auch die Alten abgeschoben werden.
So schlimm ich das im Einzelfall finde, so lässt sich dennoch sagen, es wird geerntet, was man gesäät hat!
Und darein setze ich meine Hoffnung, dass aus der Reue das Heil kommt.