Montag, 5. Dezember 2016

#gutmensch: Was ist gut?

Seit einigen Tagen ist sie nun online, die Aktion #gutmensch. Das Erzbistum Köln und der Kölner Caritasverband möchten das Bewusststein dafür schärfen, wie sich ein Begriff verselbständigen und ins Gegenteil verkehren kann. Besonders seit der Flüchtlingskrise wurden Menschen als "Gutmenschen" tituliert, die sich bedingungslos den "refugees welcome" und "wir schaffen das" - Rufen anschlossen. Da diese Bezeichnungen meist von Gegnern der deutschen Flüchtlingspolitik kamen, waren damit die Atribute "naiv, dumm oder weltfremd" mit eingeschlossen, was natürlich einer Verunglimpfung hilfsbereiter Menschen gleichkommt. Das geht natürlich gar nicht. Engagement für andere ist erst mal per se gut!

Gleichzeitig sollte ich vielleicht anmerken, dass in meiner Wahrnehmung das Wort "Gutmensch" erst dann mit einem negativen Unterton gebraucht wurde, wenn der Sprecher sich mit seinen Bedenken rund um die Flüchtlingsproblematik nicht ernst genommen oder in eine rechte Ecke gestellt fühlte. Wann haben wir eigentlich verlernt, Probleme kontrovers zu diskutieren, umbequeme Thesen stehen zu lassen ohne gleich contra personam zu gehen? Wenn in einem Diskurs eine bestimmte Denkrichtung als moralisch falsch diskreditiert wird, verunmöglicht man die ganze Diskussion. Wenn man ernsthaft Problemlösungen sucht, muss in einem Brainstorm Prozess erst mal alles gesagt werden dürfen. Das ist in den Think Tanks der freien Wirtschaft gang und gäbe und das hat die Philosophie im Land der Dichter und Denker erst groß gemacht.

Es soll jetzt hier aber nicht um Relativierung oder Abschwächung von Verunglimpfung gehen. Sich für andere zu engagieren ohne die eigenen Interessen in den Vordergrund zu stellen ist einfach gut. Was mir bei dieser Aktion, bei der auch der Kölner Erzbischof das Wort #gutmensch (mit der Hashtag-Raute) auf den Boden sprüht, so sauer aufstößt, ist der Unterton moralischer Überlegenheit, mit der das Ganze daherkommt. Was meine ich damit? Ein Kurzvideo auf Facebook, in dem ein Kindererzieher vorgestellt wird, beginnt mit den Worten: "Hältst du mich für naiv? Findest du schlecht, was ich tue? Nerve ich dich damit?" Unterlegt sind diese Worte mit Bildern des Erziehers bei der Arbeit mit kleinen Kindern, also absoluten Sympathieträgern. Und dann sagt der junge Mann: "Dann ist es doch gar nicht schlecht, ein #gutmensch zu sein." Den Versuch, mit dieser Aktion die Deutungshoheit über den Begriff des Guten wiederzugewinnen, finde ich, zunächst einmal, wirklich gut. Leicht problematisch finde ich dagegen, die Art und Weise, wie das dargestellt wird, bzw. wie hier unterschwellig versucht wird, dem Betrachter oder Besucher der Website ein schlechtes Gewissen zu machen. Der leicht provokative Unterton des Slogans "Natürlich bin ich gut, Mensch" lässt im Umkehrschluss den Satz "Ich bin besser als du" mitschwingen. Die Organisatoren haben es sich mit der Auswahl der Testimonials auch etwas leicht gemacht. Sämtliche vorgestellten "Gutmenschen" kommen aus sozialen Berufen. Aber engagieren sich ein Erzieher oder eine Krankenschwester mehr für ihre Mitmenschen als z.B. ein Banker? Nach welchen Kriterien wurden die Berufe hier ausgesucht? Und wie kann man sicher sein, ob Menschen, die ihr Engagement nicht nach außen tragen, nicht doch im Stillen sehr hilfreich sind?

In einer Kirche, die gerade ein Jubiläums- und Mottojahr zur Göttlichen Barmherzigkeit begangen hat, sollte nächstenliebendes Handeln selbstverständlich sein und nicht als Spielball gesellschaftspolitischer Diskussionen missbraucht werden. Und übrigens gäbe es mich und meinen Bruder nicht, wenn unsere Eltern keine #Gutmenschen gewesen wären!

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