Freitag, 4. Dezember 2015

Entweltlichung, die Zweite

Auf der anderen Seite ist aber gerade in traditionell katholischen Gebieten ein sehr starker Rückgang des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs und des sakramentalen Lebens zu verzeichnen. Wo in den Sechziger Jahren noch weiträumig fast jeder zweite Gläubige regelmäßig sonntags zu heiligen Messe ging, sind es heute vielfach weniger als 10%. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen. Angesichts dieser Tatsachen ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen [...]Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.  
Sehr scharfsinnige und sachkundige Analyse der deutschen Situation durch den Heiligen Vater. Hat er sich da Rat beim Emeritus geholt? Wir erinnern uns, als Benedikt XVI 2011 im Konzerthaus zu Freiburg eine "mutige Entweltlichung" anregte, waren die deutschen Bischöfe besonders damit beschäftigt, zu versichern, damit seien auf keinen Fall die Kirchensteuer oder die Strukturen der DBK mit ihren vielfältigen Beteiligungen gemeint. Nun hat es also auch Papst Franziskus gesagt. An dem können sie nicht so ohne weiteres vorbei, denn seit der jüngsten Papstwahl "ist es wieder eine Freude, katholisch zu sein", wie ein inzwischen emeritierter Bischof direkt nach der Amtseinführung von Franziskus verlauten ließ.  Was machen unsere Oberhirten also daraus? Was sagt z.B. Kardinal Marx zu dieser "päpstlichen Watsch'n"?
Da sind Punkte dabei, die die gesamte Kirche im Westen betreffen, ich würde sogar sagen weltweit. Der Papst spricht damit nichts Neues an, mit diesen Fragen beschäftigen wir uns als Bischofskonferenz seit Jahren intensiv. Aber Franziskus greift sie ausdrücklich auf, mahnt uns, sie nicht zu vergessen, auch wenn die Antwort keinesfalls einfach ist.
Übersetzt heißt das wohl soviel wie "Kennen wir alles schon, ist nichts neues dabei, wir reden drüber." Irgendwie muss ich mich da sehr zusammenreißen, um nicht der Resignation zu verfallen, die Papst Franziskus in derselben Ansprache vom 20.11.2015 angeprangert hat. Oder um frei mit Goethe zu sprechen "... allein mit fehlt der Glaube". Nicht der Glaube in den Herrgott, bewahre, aber doch der in tatsächliche Veränderungen der saturierten, de-facto-Staatskirche in Deutschland. Dabei soll doch gerade der Advent die Zeit der Erneuerung sein, die Zeit, in der alte Fesseln abgeworfen werden und frei und froh auf IHN geschaut wird. Auf IHN, unseren Herrn und Gott, der das Universum erschaffen hat und sich trotzdem nicht zu fein war, sich als kleines, hilfloses Kind zu inkarnieren, damit es wieder einen Weg zurück in die Herrlichkeit gibt.
Natürlich haben Geld und Strukturen insoweit Sinn, wenn sie dem Zweck der Hilfe für die Armen dienen, da hat Björn Odenthal in seinem vielgescholtenem Standpunkt wenigstens zum Teil recht. Auch Bewegungen, die in großer Einfachheit und Frische begonnen haben, brauchen einen gewissen institutionellen Rahmen, um wirksamer zu sein. Das hat man an den Bettelorden im Mittelalter gesehen und das sieht man heute an vielen geistlichen Gemeinschaften. Aber dort werden die Statuten und Strukturen so gebaut, dass sie dem Charisma dienlich sind und werden auch hinterfragt. Aber Apparate um der Apparate willen zu erhalten, geht nie gut, wie man an der distanzierten Haltung vieler Bürger zu den Einrichtungen der Europäischen Union sehen kann. "Mit Apparatschiks kann sich eben niemand identifizieren", sagte kein anderer als der große Otto von Habsburg. Das gilt auch für die zentral organisierten katholischen Laien des öffentlichen Lebens (vulgo ZDK), die selbst in postmodernen Zeiten repräsentativ für die Mehrheit der Katholiken in Deutschland sein wollen. Das wäre ja nur halb so ärgerlich, wenn sie nicht mehr oder regelmäßig Statements abgeben würden, die eher der Politik entlehnt sind, als dass sie tatsächlich was mit Jesus (dem echten, tatsächlichen Sohn Gottes, nicht dem Hippie-Jesus einiger!) und dem Glauben an IHN und seine Kirche zu tun haben. Und dann dieses Taktieren um die Deutungshoheit. Schrecklich. Dabei geht soviel Potential verloren!
Da sagt z.B. Papst Franziskus, dass "Die Kirche nie müde werden [darf], Anwältin des Lebens zu sein, und keine Abstriche darin machen [darf], dass das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod uneingeschränkt zu schützen." Dann berichtet kath.net, dass der neue Vorsitzende des ZDK die umstrittene Organisation Donum Vitae unterstützt, die genau dieses ungeborene Leben nicht schützen und Andreas Püttmann beschuldigt kath.net des "Pippi-Langstrumpf-Katholizismus". Leute! Wie wäre es, wenn wir in dem gerade begonnenen Kirchenjahr diese Gezanke sein lassen und tatsächlich nach Gottes Wort handelten? Das wäre doch mal angewandte Barmherzigkeit!

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