Struktur des Bösen?

Da hat der Bischof von Hildesheim ein großes Wort gesagt. "Ich glaube, der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche", sagte P. Heiner Wilmer SCJ am Freitag im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger, das in einem Artikel auf katholisch.de vom 14.12.2018 aufgegriffen wurde. Weiter führte der Bischof aus, dass "der Glauben an die 'heilige Kirche' könne in Zukunft nur noch dann redlich bekannt werden könne, wenn man mitbekenne, dass diese Kirche 'auch eine sündige Kirche' sei". Bisher hieß es, in der Kirche gebe es die Einzelnen als Sünder. Aber die Kirche an sich sei rein und makellos. "Davon müssen wir uns verabschieden." Denn es gebe auch "Strukturen des Bösen" in der Kirche als Gemeinschaft. Dabei beklagte der Dehonianerpater und Bischof, dass dies bisher in der Theologie viel zu wenig beachtet würde und berief sich dabei auf die Aussagen des Ex-Priester Eugen Drewermann.

Belastete Vorgänger in Hildesheim

Dabei muss man wissen, dass P. Wilmers Anfänge als Oberhirte in Hildesheim bereits von erheblichen Missbrauchs- und Vertuschungsvorwürfen überschattet werden. Wilmers unmittelbarer Vorgänger im Amt, Bischof Josef Homeyer (1983 bis 2004) habe mit seiner Bistumsleitung nicht nur versagt, sondern "fürchterliche Dinge zugedeckt". Konkret geht es u.a. um Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs aus den 1950er Jahren gegen Bischof Heinrich Maria Janssen (1957 bis 1982). Das auszuhalten ist schwer. Sehr schwer. Wahrscheinlich geht ein solches Wissen, dass Menschen, die auf demselben Stuhl saßen wie man selber, sich so eklatant verfehlen können, noch mehr an die Substanz als wenn man nur allgemein über Missbrauchsfälle durch Kleriker hört. Weil diese teilweise schon Jahrzehnte verjährt sind, nicht immer nur sexuell konnotiert waren oder die Täter mittlerweile kurz vor ihrer Begegnung mit dem Schöpfer stehen. Nein, in der Haut von Bischof Wilmers möchte ich definitiv nicht stecken. Doch so schmerzhaft der ganze Prozess der Anerkennung und Aufarbeitung ist, so ist er hochnotwendig, um das Vertrauen der Menschen wiederherzustellen. Die verletzten Herzen und Seelen heilen kann eh nur Jesus selbst. Wenn die Menschen dazu bereit sind.

Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten

Aus diesem Grund, also weil ich mir vorstellen kann, wie schmerzlich die ganze Angelegenheit ist, kann ich den Eifer, mit dem Bischof Wilmers jetzt medial seine Aufklärungsarbeit bekannt gibt, verstehen. Allerdings führt er in oben erwähntem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger einen Rundumschlag, der keinen Unterschied macht zwischen der persönlichen Schuldfähigkeit des einzelnen Menschen und der Kirche als Gesamtheit und mystischer Leib Christi.

Bei Worten wie "Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche" und "es gibt eine Struktur des Bösen" läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Denn ein intelligenter, gläubiger Mann und Theologe, ein Ordenspriester und Bischof sollte wissen, dass obwohl die Kirche als Ganzes "heilig" und "mystischer Leib Christi" genannt wird, ihre einzelnen Mitglieder natürlich sündigen und dies nicht nur geistlich, sondern mitunter auch weltlich strafrechtlich. Diese Sündhaftigkeit des einzelnen Menschen (inkl. Bischof Wilmers himself und natürlich auch der kleinen Blogschreiberin) ändert jedoch nichts an der Aussage Jesu in Mt. 16,16 ff., mit der er seine Kirche gegründet und in die Hände von Simon Petrus gelegt hat.

"Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen."

Bewusst nahm er den Fischer von See Genezareth, der ihn später verraten sollte. Vielleicht weil er wusste, dass es Verständnis für die Sünden und Verfehlungen anderer nur geben kann, wenn man sich seiner eigenen Makel und Sündhaftigkeit bewusst ist. Durch alle Jahrhunderte hindurch war immer klar, dass die Verfehlungen der einzelnen Mitglieder nicht das innerste Wesen, den eigentlichen Kern der gesamten Kirche verändern kann. Diese gesamte Kirche sah man aufgeteilt in die Mitglieder hier auf Erden und jene Mitglieder, die bereits im Himmel sind bez. im Purgatorium sühnen: so entstand das Bild der Ecclesia militans, Ecclesia poenitens und Ecclesia triumphans.

Das lateinische Wort "militans" bedeutet kämpfen und bezeichnet den täglichen Kampf der einzelnen irdisch lebenden Mitglieder, den Versuchungen des Bösen, die von außen und von innen her auftreten können, nicht zu erliegen. Der Mensch ist anfällig für das Böse und allzu oft treten die Versuchungen nicht offensichtlich und ungetarnt auf, sondern maskieren sich als Bedürfnisse, die jetzt unbedingt befriedigt werden wollen. Weil man etwas unbedingt brauche oder sich verdient habe. Und wenn man davon überzeugt ist, ein Recht auf die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse zu haben, dann müssen diese Bedürfnisse unbedingt erfüllt werden und alle Vorschriften, Gebote und auch die menschliche Würde anderer werden zu Hindernissen auf dem Weg der eigenen Bedürfnisbefriedigung, die mitunter auch mit krimineller Energie umgangen werden. Die Anfälligkeit für das Böse, der Egoismus der eigenen Triebe sind menschlich, gehören seit dem Sündenfall leider zur conditio humana. Aus genau dem Grund sind sie aber individuell. Sündigen können immer nur einzelne Personen, die falsche Entscheidungen treffen. Natürlich kann es Strukturen geben, falsch verstandene Loyalitäten, die es Menschen schwer machen, richtig zu entscheiden und ehrlich vor sich selbst und vor Gott zu sein. Hier muss man ansetzen und diese Strukturen so verändern, dass der einzelne Mensch wieder direkter in Kontakt mit seinem Herrn und Gott kommen kann, denn nur im Licht seiner Liebe können wir auch unser Gewissen richtig bilden und werden frei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Egal, was andere sagen und wie schmerzhaft das vielleicht sein mag.

Doch die Kirche in ihrer Ganzheit kann nicht sündigen, weil ihr Wesenskern, ihre DNA ihr Ursprung und ihre Zugehörigkeit in Jesus Christus sind!





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