Die Großeltern hatten doch recht

Wie ich mit "Zero Waste", "Foodsaving" und "Upcycling" angefangen habe

Ich mache ja wirklich nicht jeden Trend mit. Eigentlich lebe ich seit jeher nach dem bekannten Gedicht Christian Morgensterns, der einmal geschrieben hat "Sieh nicht, was andere tun / der anderen sind so viel. / Du kommst nur in ein Spiel / das nimmermehr wird ruhen." Getreu dieser Devise fand ich Ausdrücke wie "Zero Waste Lifestyle", "DIY", "Upcycling" oder "Foodsaving" bisher fürchterlich affig. Nicht dem Wortsinn nach, der aller Ehren wert ist. Wir alle sollten die natürlichen Ressourcen viel mehr schützen und unseren Müll soweit es geht reduzieren, denn wir alle leben zusammen auf dieser einen Erde, für die es (bisher) keinen Ersatz gibt. Aber dieses Gehabe, alte Dinge oder Tätigkeiten hervorzuholen und unter einem fancy Namen als eigene, neue und hippe Erkenntnis zur Weltrettung zu präsentieren, geht mir auf die Nerven. Eigentlich.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass man so viele Dinge wie möglich selbst herstellte, kaputte Gegenstände reparierte oder sie einem anderen Verwendungszweck zuführte. Das ging noch bis weit in die 1950er Jahre so. Fragt nur mal eure (Ur)Großeltern. Viele Großmütter werden eine sog. Bräuteschule noch wirklich absolviert haben, anstatt sich im Brot-und-Spiele-TV über Kostüme, Ausdrucksweise oder laienhafte Ausführungen der ungewohnten handwerklichen Tätigkeiten zu mokieren. Und eigentlich ist es dramatisch, dass jahrhundertealte Fähigkeiten und Fertigkeiten innerhalb zweier Generationen so sehr an Wertschätzung eingebüßt haben, dass sie fast vollständig verloren gehen konnten.

Woher ich das weiß? Noch nie hatten How-To-Videos, Tutorials, Anleitungen in Bild und Blogform so hohe Konjunktur wie in diesen Tagen. Wenn man eine Frage hat oder wissen möchte, wie etwas gemacht wird, googelt man es. Das wird dann teilweise ganz konkret. So habe ich gestern zum Beispiel mehrere Seiten Bilder und Anleitungen zu gestrickten bzw. gehäkelten Spüllappen und Spülschwämmen gesehen. Und selbst angerührte Putz-, Spül-, Wasch- oder Pflegemittel scheinen ebenso beliebt zu sein.


Unterschiedliche Motive für ein ehrenhaftes Handeln

Die Gründe, die dafür angegeben werden, sind vielseitig und lassen sich auch die Nutzer keinem eindeutig sozialen Spektrum zu ordnen. Außer dass sie überwiegend jung (< 40) sind, weiblich und in den Städten oder Metropolregionen leben. Frauen mit oder ohne Familien, Studentinnen genauso wie Berufstätige, realistisch-praktische Mütter in Elternzeit genauso wie Idealistinnen mit veganer Agenda. So vielfältig die Nutzerinnen sind, so unterschiedlich klingen ihre Begründungen, warum sie sich dafür entschieden haben, Plastikmüll zu vermeiden, Gegenstände zu reparieren oder gänzlich selbst herzustellen und nur noch regionale, ökologische Lebensmittel zu kaufen. Die Aussagen reichen von "Ich möchte die Umwelt schützen" bis zu "Ich möchte, dass meine Kinder gesund aufwachsen und nicht mit den ganzen industriellen Giftstoffen in Berührung kommt". Über dem Zusammenrühren von  Putz- oder Waschmitteln, dem Abfüllen loser Lebensmittel kommt man sich näher und es werden Entfernungen überbrückt die größer sind als der durchschnittliche Einkochtopf. Das ist das Ideal. Praktisch sieht es so aus, dass durch die schicken neuen Bezeichnungen und Definitionen leicht ein sozialer Druck aufgebaut wird, alle diese Erwartungen zu erfüllen. Immerhin steht bei dem Ganzen nicht weniger als die Rettung der Menschheit und des Planeten auf dem Spiel.

Ich gebe zu, das ist bisher nur so ein erster Eindruck. Aber mich beschleicht immer ein leichtes Unbehagen, wenn ich so Dinge lese wie "Ich praktiziere jetzt seit x Jahre Zero-Waste Lifestyle und mein Leben ist soviel besser geworden dadurch. Außerdem lebe ich vegan, was ja sooo viel besser für die Umwelt / Tiere / Menschen ist, als das was ihr alle tut." Ok, so krass drückt es kaum jemand aus, aber ein Unterton in der Richtung leider oft mit. Eigentlich wären das für alles Gründe, die mich eher abschrecken würden.

Und warum will ich das jetzt doch selber anfangen? 

Ganz einfach, weil ich denke, dass wenn man von der Sinnhaftigkeit einer Sache überzeugt ist,  unterschiedliche Motive oder politische Einstellungen zur Nebensache werden (sollten). Und weil für mich die Gründe Umweltschutz, Sparsamkeit und das Wiederentdecken alter Handwerkstechniken drei meiner liebsten Motivationen anspricht.

  • So habe ich hier ja schon die Rubrik "An der Nadel" eingeführt, in der ich kleinere Handarbeitsprojekte vorgestellt habe und die ich mit Beträgen über selbstgemachte Spüllappen, Einkaufsbeutel und -netze, gehäkelte Seifensäckchen und Kosmetikpads auffüllen werde. 
  • Nachdem ich außerdem meine bisherigen Putz- und Spülmittel nach und nach aufgebraucht habe, werde ich mich daran machen, mit Kernseife, Soda, Essig und Zitronensäure eigene Mittel zu mischen und auszuprobieren. Natürlich werde ich euch über den Erfolg auf dem Laufenden halten. 
  • In Sachen "Foodsaving" bin ich mittlerweile auch schon etwas tätig geworden. Und zwar mit Einkäufen in dem Laden "The Good Food", in dem hier in Köln direkt vom Feld gerettetes Gemüse verkauft wird. 

Kommentare

Claudia Sperlich hat gesagt…
Auch mir geht dies "Ich rette die Welt, indem ich selbermache / vermeide / propagiere" auf die Nerven. Foodsaving (was ich derzeit gelegentlich als Helferin, bald hoffentlich in etwas größerem Umfang mitmache) finde ich allerdings sinnvoll - nicht, weil ich glaube, die Welt damit zu retten, daß ich gestern eine Tüte Brot bei der Bahnhofsmission abgeliefert habe, sondern weil ich es grob unmoralisch finde, gutes Essen wegzuwerfen, und äußerst praktisch und sinnvoll, für die Arbeit "hingehen und Verschwendung vermeiden" den Lohn "irgendwas zu essen" zu erhalten.

Das Selbermachen von allem Möglichen finde ich meist viel mehr spannend und lehrreich als maßgeblich weltrettend. OK, wenn ich die Umwelt damit etwas schone, ist das gut - aber es liegt mir fern, Menschen mit knappem Zeitplan, vier Kindern und Gicht in den Fingern zu nerven mit "Du musst XY aber selber machen, damit deine Kinder auch übermorgen noch atmen / Wasser trinken / denken können".

Beim Wäsche waschen mache ich gute Erfahrungen mit Waschnüssen (ökologisch leider auch wieder nicht das Gelbe vom Ei, weil sie in den Anbaugebieten so langsam ein Ökoproblem darstellen...) und Soda. Für weitere Tips bin ich dankbar.
Gertie di Sasso hat gesagt…
Danke, liebe Claudia, dass es da draußen a) tatsächlich noch Leser dieses kleinen Online-Tagebuchs gibt und b) jemand auch noch versteht, was ich auszudrücken versuche. Auch wenn es noch so verworren ist. ;)

Zum Foodsaving möchte ich noch sagen, dass ich es nicht nur extrem schade finde, welche Menge an Essen im Müll landen, sondern auch welche Teile noch verwendet werden können. Zum Beispiel kann man aus den äußeren Blättern und Schalen, die beim Putzen der meisten Gemüsesorten anfallen (außer Kohl), eine leckere Gemüsebrühe kochen. Und Kaffeesatz soll sehr nützlich sein als "Schmirgelprodukt" in Gesichtspeelings.
Claudia Sperlich hat gesagt…
Kaffeesatz als Peeling - das find ich gut, das werde ich machen! Peelings sind ziemlich teuer, und Kaffeesatz fällt bei mir mehr als genug an.
Gertie di Sasso hat gesagt…
@Claudia: Und hier ist nun ein Rezept für das Kaffesatz Peeling.
https://dashoerendeherz.blogspot.com/2018/09/nach-der-tasse-kaffee.html
Da es zudem Quark und Olivenöl enthält, sollte es im Kühlschrank aufbewahrt und innerhalb von zwei bis drei Tagen aufbraucht werden.
Schade, dass auf diesem christlichen Blog ein ganz wichtiger Punkt fehlt- Ein Punkt, dies aus christlicher Sicht zu zeigen.
Als ich letztes Jahr einen Kochblog eröffnete, habe ich dies in meinem ersten Beitrag geschrieben. Hier der Link:
https://kochen-aus-resten.blogspot.com/2017/07/warum-dieser-blog.html

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