Beitrag der Woche

Am Amte hängt, zum Amte drängt doch das alles

Schön langsam fühlt man sich wirklich wie in dem Film "...und täglich grüßt das Murmeltier". Pünktlich zum Gedenktag der hl. Cater...

Dienstag, 16. Juni 2015

Feder und Schwert II

Gertrud von le Fort und Hermann Orgaß

"Man kann sie in gewissem Sinne Frau Undset an die Seite stellen: Katholikin, Meisterin der geschichtlichen und auch der mythischen Erzählung, zugleich innerhalb des Hitlerschen Deutschland wohl die wertvollste, begabteste Vertreterin des intellektuellen und religiösen Widerstandsbewegung. Als Vertreterin menschlich christlicher Gesinnung ist sie Frau Undset gleichwertig, als Dichterin stelle ich sie noch höher."
Mit diesen Worten empfahl Hermann Hesse die Schriftstellerin Gertrud von le Fort 1949 der Svenska Akademien Stockholm für den Literaturnobelpreis. Sie hat ihn nicht erhalten. Doch wer war diese Frau, deren Bücher in mehrere Sprachen übersetzt wurden und für Theater und Film umgesetzt wurden, die jedoch in den geschäftigen Wirtschaftswunderjahren so schnell in Vergessenheit geriet?

Gertrud Freiin von le Fort wurde am 11. Oktober 1876 im westfälischen Minden geboren und wuchs u.a. dem Familiengut Boek in Mecklenburg auf. Als Tochter des preußischen Majors Lothar Freiherr von le Fort wurde sie wie viele „höhere Töchter“ zu jener Zeit erzogen: bis zum 14. Lebensjahr wurde sie privat unterrichtet und als junge Dame an der Sommerresidenz der mecklenburgischen Herzöge Ludwigslust glanzvoll in die Gesellschaft eingeführt. In ihrem Leben zeigen sich die Verwicklungen des 20. Jahrhunderts wie unter einem Brennglas. So verlor die Familie nach der Teilnahme des Bruders Stefan von le Fort am Kapp-Putsch 1920 das Gut Boek. Man kann es mit Alexander von Schönburg ein "stilvolles Verarmen" nennen, diesen "Abstieg" durch die gesellschaftlichen Schichten, der sie nach mehreren Ortswechseln und ausgedehnten Reisen 1941 nach Oberstdorf in eine einfache Etagenwohnung führte. Materiell blieb sie immer einigermaßen abgesichert, auch durch den ansteigenden literarischen Erfolg; die Umstände ihrer zweiten "Hälfte des Lebens" unterschieden sich jedoch so grundlegend von ihren Jugendjahren, dass die innere Entäußerung, ja, die Hinwendung zu allen Schwachen und Gescheiterten  nur folgerichtig scheint.  Die Feinfühligkeit für deren Schicksal drückt sich in zahlreichen ihrer Werke aus, besonders in der Beschreibung der Charaktere, ihrem Edelmut und ihrer Tapferkeit.Lange habe ich mich gefragt, was die Tochter des adligen, preußischen Majors, die gefeierte Schriftstellerin und Grande Dame und der Sohn eines Hamburger Herrenschneiders gemeinsam haben könnten. Es muss etwas sein, das bezeugen die Briefe aus seinen letzten Lebensjahren. Vielleicht ist es die Offenheit gegenüber der Schönheit des Lebens und für den Größten auf Erden, die menschliche Größe erst ermöglicht und sogar Standes- und Altersschranken aufzuheben vermag.

Gertrud von le Fort war 40 Jahre alt und studierte in Berlin, als am 25. September 1916 in Hamburg ein Junge zur Welt kam, den sie später so beschreibt: "Ein den höchsten Idealen zugewandter Mensch, voll Ernst und Frömmigkeit, einer Frömmigkeit die nicht vor Opfern zurückschreckt."
Der Junge wurde auf die Namen Hermann Maria getauft. Im protestantisch-bürgerlichen Hamburg wollten die Eltern mit dem Zweitnamen Maria, den auch seine Geschwister erhielten, ein Zeichen setzen. Aus Ostpreußen stammend gehörte die weit verzweigte Familie Orgaß zur katholischen Minderheit in Hamburg. Sein Glaube und seine Frömmigkeit wurden geprägt durch das Vorleben in der "treukatholischen Familie" und den Treffen der Sturmschar, einer Untergruppe der Katholischen Jungmänner. Nach Abitur und Lehrerstudium meldete er sich 1937/38 zur Wehrmacht. Dass ein solcher Mann in den 1930er Jahren überhaupt Soldat werden wollte und es gern war, lag wohl weniger an der Ideologie, sondern vielmehr an einem stark empfundenen Pflichtbewusstsein und inniger Vaterlandsliebe. Er selbst drückte es einmal so aus: "Es gilt zu kämpfen für meine Braut und Familie, für mein liebes Vaterland und für die Kirche."

Als sich seine und die Wege Gertrud von le Forts das erste Mal kreuzten - wohl durch einen Leserbrief - war Hermann 25 Jahre alt. Er hatte bereits Teile des Russlandfeldzuges hinter sich, u.a. wohl die Schlachten um Feodosia im Dezember 1941.  Diese Hafenstadt auf der Krim sollte ihm dann auch zum Schicksal werden. Nachdem ihn ein Stubenkamerad wegen "religöser, staatsfeindlicher Aufzeichnungen" gemeldet hatte und sein Disziplinarfall im September 1943 in Berlin verhandelt worden war, wurde er direkt im Anschluss mit anderen Soldaten wieder nach Feodosia eingeschifft. Leider kam er dort nie mehr an. Die Vermisstenmeldung des verantwortlichen Offiziers vom November 1943 setzte nach 27 Jahren den Schlusspunkt zu diesem kurzen Leben. In dem langen und reichen Leben Gertrud von le Forts muten die wenigen Briefe, die sich aus dem Kontakt mit Wachtmeister Orgaß erhalten haben, wie ein Wimpernschlag an. Für manche mag er gänzlich uninteressant sein. Für mich jedoch, die eine freundliche Wendung der Vorsehung mitten in seinen Familienstammbaum hinein katapultiert hat, ist dieser junge Mann ein Vorbild an Aufrichtigkeit und Glaubenstreue. Und seine Gedichte würde ich mit in die Preziosenkästchen deutscher Lyrik jener Zeit hineinlegen.

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