150 Jahre einer großen Frau: Gertrud von le Fort (1876-1971)
Gertrud Freiin von le Fort wurde am 11. Oktober 1876 im westfälischen Minden geboren und wuchs u.a. auf dem Familiengut Boek in Mecklenburg auf. Als Tochter des preußischen Majors Lothar Freiherr von le Fort wurde sie wie viele „höhere Töchter“ zu jener Zeit erzogen: bis zum 14. Lebensjahr wurde sie privat unterrichtet und als junge Dame an der Sommerresidenz der mecklenburgischen Herzöge Ludwigslust glanzvoll in die Gesellschaft eingeführt, doch die Verwicklungen des 20. Jahrhunderts führten dazu, dass sie nach mehreren Ortswechseln und ausgedehnten Reisen ihren endgültigen Wohnsitz 194 in Oberstdorf fand, wo sie am 1. November 1971 starb und begraben wurde. Sie hinterließ ein literarisches Werk, das – obwohl heute zu unrecht vergessen – zu den bedeutendsten Stimmen der Renouveau catholique des 20. Jahrhunderts zählt. Zu diesem Werk gehören vor allem Romane, Novellen, Essays und natürlich ihre Gedichte, wie der bekannte Zyklus „Hymnen an die Kirche“.
Dabei beschäftigt sie sich mit den großen Fragen menschlicher Existenz: Was bedeutet Freiheit? Wie verhält sich das Individuum gegenüber Macht und Gewalt? Welche Rolle spielt der Glaube in Zeiten von Krisen und Umbrüchen? Auffällig ist, dass diese Fragen häufig aus weiblicher Perspektive erzählt werden. Obwohl nach außen in scheinbar konventionellen Rollen, sind die Protagonistinnen bei Gertrud von le Fort oft moralisch gefestigter, tapferer und zu größerer Liebe und Opferbereitschaft fähig als die männlichen Charaktere.
Am deutlichsten wird dies in den Hauptfiguren meiner liebsten Le Fort Erzählungen: Arabella aus „Plus ultra“, Anne aus „Das Gericht des Meeres“ und Claudia aus „Die Frau des Pilatus“. Alle drei Frauen spiegeln unterschiedliche Facetten einer grundlegenden Überzeugung le Forts: Die eigentliche Größe der Frau liegt nicht in äußerer Herrschaft, sondern in ihrer Fähigkeit, Transzendenz wahrzunehmen, für eine geistige Wahrheit einzustehen und ihrem moralischen Kompass zu folgen. Arabella ist vielleicht die klassischste le-Fort-Heldin. Ihre Liebe zu Kaiser Karl V. wird nicht erfüllt, weil sie erkennt, dass seine Sendung größer ist als ihr persönliches Glück. Ihre Entwicklung führt zur freiwilligen Entsagung und schließlich ins Kloster, wo sie durch ihre geistige Hingabe und Gebet zu einer Art geistigen Stellvertreterin des Kaisers wird. Die Geschichte um Anne de Vitré im „Gericht des Meeres“ ist etwas komplexer. Sie besitzt die Gabe eines magischen Schlummerliedes: Singt sie es zu Ende, bedeutet es den Tod; bricht sie vorher ab, schenkt es Heilung und Schlaf. Der kleine englische Prinz, Sohn des Mörders ihres bretonischen Herzogs, ist dem Tode nahe. Anne könnte Rache üben und das Kind töten. Stattdessen rettet sie es und bezahlt diese Entscheidung mit ihrem eigenen Leben. Dadurch steht Anne für die moralische Entscheidung zwischen Rache und Vergebung. Von den drei Figuren erscheint Claudia Procula aus „Die Frau des Pilatus“ am stärksten als Seherin. Wie in der biblischen Vorlage angedeutet, besitzt sie eine intuitive Vorahnung des Geheimnisses Christi, die dem rationalen und politischen Denken ihres Mannes entgegensteht.