Leihmutterschaft: Was ist überhaupt das Problem?
In den vergangenen Tagen war die Aufregung – nicht nur online – groß, weil nach Hendrik Streeck auch Jens Spahn als der zweite hochrangige CDU Politiker in kurzer Zeit seinen Erwerb eines Kindes von einer Leihmutter bekannt gegeben hatte. Viel wurde bereits gesagt über die Doppelmoral eines Mannes, der sich in Regierungsverantwortung noch vor wenigen Jahren der Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland entgegengestellt hatte. Da Leihmutterschaft in Deutschland also gesetzlich verboten ist, ging mit seinem Partner Ausland, namentlich die USA, um dort seinen ungestillten Kinderwunsch zu befriedigen. Dass hier etwas nicht zusammenpasst und nicht nur seine persönliche Glaubwürdigkeit, sondern auch die seiner Partei und mithin der Regierung in Zweifel gezogen wird, ist offensichtlich. Inzwischen ist Herr Spahn auf die öffentliche Aufregung hin von seinem Posten als Vorsitzender der CDU-CSU-Fraktion des Deutschen Bundestages zurückgetreten.
Damit sollte jetzt alles gut sein, oder?
Aber was ist, wenn das eigentliche Problem ganz woanders liegt? Nicht in der öffentlichen Aufregung über Diskrepanz im Handeln, politischer Heuchelei oder Doppelmoral, sondern in der Leihmutterschaft an und für sich. „Wie kannst du nur so etwas sagen?“, höre ich jetzt schon gleich die empörten Kommentare. Also, lasst mich bitte erklären und vielleicht können wir uns zumindest auf halbem Weg treffen. Hier sind meine Gründe, warum ich Leihmutterschaft zutiefst problematisch finde:
- Leihmutterschaft ist eine Variante der In-Vitro-Fertilisation (IVF). Dabei werden der Frau nach vorangegangener Hormonbehandlung Eizellen aus dem Eierstock entnommen, außerhalb des Körpers mit Samenzellen befruchtet und einige Tage später als Embryonen in die Gebärmutterhöhle übertragen. Bei der herkömmlichen IVF sind Eizellspenderin und austragende Frau ein und dieselbe Person und die Samenzellen stammen von ihrem Ehemann. Bei der Leihmutterschaft kann nun jeder einzelne Schritte des Verfahrens an eine andere Person ausgelagert werden: Die Eizellen stammen von einer Frau, der Samen von einem Mann, der in keinerlei Beziehung zu ihr steht und der durch Befruchtung entstandene Mensch im Embryonalstadium wird einer weiteren Frau eingesetzt, die weder zu der Eizellspenderin noch zu dem Samenspender in irgendeiner Beziehung steht. Koordiniert wird das Verfahren durch Organisationen, die sich diesen Aufwand sehr teuer vergüten lassen. Das hierbei entstandene Kind wird nach seiner Geburt an Menschen übergeben, die es bei der Organisation bestellt haben. Dass allein die Hormonbehandlungen, sowohl bei der Frau, die Eizellen spendet, als auch bei der Frau, die auf die Einsetzung des Embryo vorbereitet werden, einen massiven Eingriff in ihren regulären Hormonhaushalt darstellen und höchste gesundheitliche Risiken nach sich ziehen, wird dabei sehr gern vergessen. Diese Frauen willigen mit der Unterschrift unter den jeweiligen Einverständniserklärungen in die Benutzung ihrer Körper ein, jedoch ist diese Erlaubnis genauso wenig freiwillig, wie das „Ja“ einer Prostituierten einem Freier gegenüber. Ein unter großer wirtschaftlicher Not erpresstes „Ja“ ist kein echtes „Ja“.
- Dass eine Schwangerschaft nicht nur ein rein biologisch-technischer Vorgang ist, hat sich mittlerweile etwas herum gesprochen und es gibt Aussagen und belastbare Studien, welche die emotionalen Traumata belegen, die eine absichtliche Trennung von Mutter und Kind im frühkindlichen Stadium mit sich bringt. Dies kann von schweren Depressionen bei den Müttern bis hin zu Entwicklungsstörungen bei den Kindern reichen, die umso tragischer sind, als die Kinder die tatsächliche Ursache hierfür erst viel später oder gar nicht erfahren, sondern mehr im Unterbewusstsein mit sich herum schleppen. Das heißt nicht, dass ich gegen Adoption bin – ganz im Gegenteil, wenn sie verantwortungsbewusst und richtig durchgeführt wird (an ein Elternpaar aus Mutter und Vater!)!!! – doch darf man nicht die Augen vor den Risiken für Mutter und Kind verschließen, nur weil die Männer, die hier ihre eigenen Wünsche befriedigt sehen wollen, diese Bindungen und Emotionen nicht nachvollziehen können oder wollen. Zu Recht suchen seriöse Adoptionsagenturen nach „Eltern für Kinder“, nicht umgekehrt, und der Auswahlprozess ist begründeterweise so lang und steinig wie er ist. Nicht jeder Mensch, der einen Kinderwunsch hegt, ist als Elternteil geeignet. Ein Wunsch allein ist noch kein Anspruch auf Erfüllung desselben, insbesondere, wenn das Wohl und Wehe eines Menschen betroffen ist.
- Und dann gibt es einen Punkt in dieser ganzen Diskussion, der mir persönlich sehr nahe geht. Wenn man Paare, die eine Leihmutterschaft befürworten fragt, warum sie diese der Adoption eines lebenden Kindes in schwierigen Umständen vorziehen, antwortet die überwältigende Mehrheit, damit, dass sie ein Kind haben möchten, dass genetisch mit zumindest einem „Elternteil“ verbunden ist. Wie in der Causa Spahn. Hier stammte die Samenzelle von Herrn Spahns Partner und „nur“ die Eizelle und die Gebärmutter kamen von unbekannten Frauen. Damit ist dieses Kind biologischer Sohn oder Tochter von Herrn Funke und wird über die Stiefkindadoption von Herrn Spahn adoptiert. Damit tut sich aber ein ganz neuer Abgrund auf, der so manchem vielleicht noch nicht aufgefallen. Kinder werden plötzlich in zwei Klassen aufgeteilt, wobei die leiblichen Kinder besser sind als die „nur adoptierten“. Rechtlich ist eine Adoption seit antiker Zeit gleichbedeutend mit biologischer Zeugung! Dies wird nun gesellschaftlich aufgeweicht und stellt Adoptivkinder schlechter als solche mit einer genetischen Verbindung. Das ist beileibe keine neue Entwicklung. Dieser Sicht habe ich praktisch meine Existenz zu verdanken. Die Meinung, dass „nur Kinder vom eigenen Blut richtige Kinder sind“ war so lange vorherrschende Meinung in Korea, dass der Aufbau eines funktionierenden Kinder- und Jugendschutzes mit in-Land-Pflege- und Adoptionsfamilien verhindert wurde, weil keine koreanische Familie über Jahrzehnte hinweg bereit war, ein „Kind von anderem Blut“ aufzunehmen. Diese Kinder wurden vernachlässigt, ausgesetzt, weg gegeben und mussten ins Ausland adoptiert werden. Für mich persönlich ist es zwar besser ausgegangen, als ich hätte denken können, doch ist dies ausschließlich der Gnade Gottes zu verdanken, der aus der Engherzigkeit und dem Egoismus der Menschen etwas Gutes machen kann. (Aber das Glück hat nicht jeder).