Warum die kleine Blanche de la Force immer wieder ihr Opfer bringt

"Du hast es weit gebracht, meine kleine furchtsame Blanche de la Force, ich hätte dir dies niemals zugetraut, als du mich Jahren batest, dein Leben zu erzählen! Mit Staunen vernahm ich, dass du Scheue es wagtest, jene Bretter zu betreten, die, wie man sagt, die Welt bedeuten. Und nun hast du sogar die Musik vermocht, sich deiner zarten Stimme anzunehmen. Möge es der gewaltigsten und tiefsten aller Künste geschenkt sein, uns heutigen Menschen, die nicht weniger von Todesangst umwittert sind als du und deine Zeit, den Eindruck jener Gnade zu vermitteln, die alle menschliche Ohnmacht aufhebt in den Sieg Gottes." (GvlF anlässlich der Uraufführung der Oper von Francis Poulenc am 24. September 1960)
Große Stoffe können wohl nie zu oft erzählt werden. Ja, man erkennt die Größe einer Geschichte eigentlich erst recht daran, dass sie ihre Frische und Ursprünglichkeit, ihre Unmittelbarkeit und Wahrheit behält, auch wenn sie noch so oft und auf die unterschiedlichsten Weisen erzählt wird. So ging es der Novelle  "Die Letzte am Schafott", in welcher Gertrud von le Fort das Schicksal der Karmeliterinnen von Compiègne erzählt. Der Schriftsteller Georges Bernanos nahm sich nach dem Zweiten Weltkrieg des kleines Werkes dieser großen Dichterin an und arbeitete daraus ein Drehbuch, das 1949 als Theaterstück "Dialogue des Carmélites" (dt. "Die begnadetete Angst") auf die Bühne kam. Den Komponisten Francis Poulenc inspirierten die Geschehnisse des 24. Juni 1794 und das Buch von Le Fort  zu einer Oper, die Ende der 1950er uraufgeführt wurde. 1960 fand die "kleine, furchtsame Blanche", wie Le Fort die Heldin ihrer Novelle bezeichnete, schließlich den Weg auf die große Leinwand. Und all dies, obwohl, oder vielleicht gerade weil sie im historischen Sinne nie gelebt hat.
"Geboren aus dem tiefen Grauen einer Zeit, die in Deutschland überschattet wurde von den vorauseilenden Ahnungen kommender Geschicke, stieg diese Gestalt vor mir auf gleichsam als „Verkörperung der Todesangst einer ganzen zu Ende gehenden Epoche“. Das beständig bangende Kind, das von der Dienerschaft des Hauses "Häschen" genannt wird, das junge Mädchen, das aus Weltangst in ein Kloster tritt und sein religiöses Leben dort in der mystischen Verbindung mit der Agonie Christ zu gestalten sucht, lebte bereits in meinen dichterischen Entwürfen vor der Einbettung seines Schicksals in das der 16 Karmeliterinnen von Compiègne. Durch einen Zufall wurde ich mit diesen bekannt. Eine kleine Notiz, die Fußnote eines den katholischen Orden gewidmeten Buches löste den Entschluss aus, den Schauplatz für das Auftreten miener kleinen Blanche aus der Gegenwart in die Französische Revolution zu verlegen. Ich folgte damit einer meiner Dichtung auch sonst naheliegenden Neigung, aktuelle Probleme und Gestalten in die Vergangenheit zurückzuspiegeln, um sie, von der allzu bedrängenden Nähe gelöst, reiner und ruhier former zu können." (GvlF aus dem Nachwort zu Georges Bernanos' "Die begnadete Angst")

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ferienlektüre

Wie man Müll vermeidet #1: Häkele deinen eigenen Duschschwamm

Pierre Goursat - Eremit und Evangelisierer