The Chosen: Mehr als ein globales TV-Event

"Wenn eine Tür zugeht, öffnet Gott irgendwo ein Fenster." Wie oft habe ich diesen oder andere Sprüche gesagt, entweder zur Aufmunterung anderer oder mir selbst. Wie oft habe ich dies ernst gemeint, war ich von Herzen davon überzeugt, dass Gott wirkt, spürbar, handfest, heute und für mich? Und doch kann es geschehen. Dallas Jenkins, der die weltweit bekannte Fernsehserie "The Chosen" kreiert hat, berichtet von einer solchen Erfahrung. Er war an einem Tiefpunkt seiner Laufbahn als Filmschaffender angekommen, nicht nur kreativ, sondern daraus resultierend ganz handfest materiell. Die Wende kam allerdings eher langsam und allmählich. Er begegnete einem Menschen, der ihm erzählte, welchen Eindruck ein Kurzfilm auf gemacht hatte, den Jenkins für seine Gemeinde zu Weihnachten gedreht hatte. Sehr einfach gehalten, stellen jene 30 Minuten nicht Maria und Josef in den Mittelpunkt, sondern einen jungen Hirten, der Augenzeuge der biblischen Ereignisse wird und dies sein Leben verändern lässt. Allein dieser kleine Wechsel der Perspektive hilft dem Zuschauer eine innere Verbindung zu dem Geschehen auf der Leinwand aufzubauen und es besser zu verstehen. Ich habe den Kurzfilm mit dem Titel "The Shepard" gesehen und die einfache Erzählweise hat mich ebenso beeindruckt wie die augenfällig sorgfältige historische Recherche und das filmische Können. Ich freue mich auch,  dass die junge Produktionsfirma "VidAngel" (inzwischen "Angel") das Potenzial dieses kleinen Werkes von Dallas Jenkins für eine ganze Fernsehserie über das Leben Jesu gesehen hat. So wurde "The Chosen" geboren. 

Verfilmungen biblischer Themen gibt es viele. Seit den Monumentalfilmen aus Hollywood's goldener Ära bis in unser 21. Jahrhundert haben sich Filmschaffende immer wieder aus dem Buch der Bücher bedient, mal mehr, mal weniger gelungen und immer mit einem mehr oder weniger persönlich gefärbten Blick auf die Geschehnisse. Eine persönliche Sicht auf das Evangelium ist an sich nicht schlecht. Im Gegenteil, jeder von uns sollte sich den biblischen Geschehnissen und Jesus von dem Punkt annähern, an dem er im Leben steht. Leider lassen sich nur ganz wenige der bisherigen Bibelverfilmungen wirklich auf den Text des Evangeliums ein und nehmen ihn gläubig ernst. Und wenn sie es tun, laufen sie von der filmischen und/oder schauspielerischen Qualität leider unter "gut gemeint, aber nicht gekonnt". Insofern verstehe ich, wenn mancher mit einer gewissen erstaunen Skepsis vor der rasanten internationalen Verbreitung dieser Fernsehserie steht. 

Doch ich möchte wirklich jeden, der noch zögert, ermutigen, es einfach zu versuchen.  Schaut euch die ersten 2 bis 3 Folgen an und versucht eure Erwartungen draußen zu lassen - Ihr werdet nicht enttäuscht sein, eher positiv überrascht! So ging es mir jedenfalls und die erste Staffel habe ich tatsächlich "gebinged", also am Stück angeschaut. 

Besonders interessant finde ich die Tatsache, dass Angel Productions ziemlich früh die Idee hatten, die Serie durch Crowdfunding zu finanzieren. Dadurch muss man nicht bei einem  Produzent um ein riesiges Budget betteln, sondern bleibt künstlerisch unabhängig. Gleichzeitig werden die Zuschauer zum Teil des Projekt und es bildet sich von Anfang an eine Art "Community" zwischen den Kreativen und ihrem Publikum, d.h. die berühmte "vierte Wand" wird aufgebrochen. Als jemand, der selbst einmal im Fundraising beschäftigt war, verstehe ich auch die ausgiebige Nutzung der sozialen Medien und den Verkauf von diversen Merchandise-Produkten. Beides gibt den Machern von "The Chosen" eine Möglichkeit, die Community aus Kreativen, Spendern und Zuschauern lebendig zu gestalten. 

Bei aller Treue zum biblischen Text und all der Akribie bei der Abbildung der historischen Umstände (nicht nur politisch, sondern auch sozial und gesellschaftlich), ist natürlich auch ein guter Teil künstlerische Interpretation bei dieser Serie dabei. Wie schon in "The Shepard" legt Jenkins auch in "The Chosen" den Fokus auf die einfachen Menschen und besonders auf diejenigen am Rand der Gesellschaft. Da macht der englische Titel gleich doppelt Sinn: er kann sowohl als Singular auf Jesus bezogen werden, aber auch im Plural die Jünger und alle Menschen bezeichnen, die mit Jesus in Kontakt kommen. Kontakt mit Jesus meint hier nicht nur den aktiven Kontakt (Treffen, Sprechen), sondern auch diejenigen, die sein Wirken einfach so mitbekommen; als Zuschauer oder aus zweiter bzw. dritter Hand durch weiter sagen. Besonders gelungen finde ich die kleinen, kunstvoll eingewobenen Hintergrundgeschichten der vielen vielen Nebenfiguren. Jeder dieser  Menschen hatte ja auch ein Leben vor den Ereignissen die in den Evangelien skizziert werden. So hat beispielsweise  die Geschichte des barmherzigen Samariters eine Kehrseite. Habt ihr euch jemals gefragt, was die Räuber zu ihrem Überfall motiviert hatte und was danach mit ihnen geschah? Auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Jünger werden menschlich verständlich dargestellt. Dass sie alle jüdische Rollen Englisch mit einem nahöstlichen Akzent sprechen lassen gehört zu dem Lokalkolorit der Serie und ist ein hübsches Detail, von dem ich hoffe, dass sie es in der deutschen Synchronisation übernehmen können. Dass sie Matthäus Asperger-Autismus oder eine ähnliche Krankheit angedichtet haben, macht ebenso vieles plausibel. So gibt es eine mögliche Erklärung, warum er als Jude Zöllner für die römischen Besatzer werden konnte, wenn man weiß, dass viele Autisten eine besondere mathematische Begabung haben. Auch die Darstellung der Maria Magdalena spricht mich sehr an (gerade, weil sie meine Namenspatronin ist, mit der ich lange so meine Probleme hatte). Dass Jesus ihre Dämonen austreibt, wird gleich in der ersten Folge gezeigt und ihre Dämonen haben viel mit den Traumata ihrer Vergangenheit zu tun. Geheilt wird sie vor allem, weil sie sich von Jesus direkt persönlich gesehen weiß. Zudem macht Jonathan Roumie aus Jesus einen handfesten, freundlichen, sogar humorvollen Mann, den man einerseits gerne als besten Freund hätte und der sich andererseits seiner göttlichen Mission immer bewusst ist, der das aber auf seine eigene Art macht. 

Einen ersten Eindruck bekommt man durch den Trailer zur ersten Season:

Ich könnte nie genug Gründe aufzählen, aus denen diese Serie es binnen kürzester Zeit in meine Top 10 aller Zeiten geschafft hat! Aber ich will euch nicht langweiligen und außerdem sollt ihr euch selber ein Bild machen. 

Am Sonntag, 11.07.2021 (12.06.2021 für uns Mitteleuropäer), kommt die letzte Folge von Season 2. Daher schließt dieser Artikel mit dem Trailer dazu:

Kommentare

  1. Leider ein Nogo: Maria gebiert Jesus unter Schmerzen ...

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    1. "Immerwährende Jungfrau" muss nicht heißen, dass die Geburt Jesu ohne Schmerzen vor sich gegangen ist. Nur dass es die einzige Geburt war, die Maria hatte.

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    2. Nachtrag: Eigentlich spricht Maria an Lagerfeuer nicht so sehr über ihre Wehen (ob sie welche hatte oder nicht), sondern darüber, wie es für sie und Josef war, zum ersten Mal dieses Baby zu halten und zu wissen, dass er Gottes Sohn ist und gleichzeitig aber ein ganz normales Baby,das gewärmt und sauber gemacht werden muss. Und das ist sehr übereinstimmend mit der Bibel.

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    3. Die Serie kommt jetzt im Augsut auf Deutsch raus:
      https://www.youtube.com/watch?v=1G0_A2xZd8g&t=79s

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